roadtrippin’

Stille – Sie hat sich mit dem Untergang der Sonne allmählich über das malerische Tal der Almen im Salzburger Pongau gelegt. Auch die drei Biker die gerade noch eifrig Bremsbeläge getauscht, Bremsen entlüftet und Schaltungen eingestellt haben, sind zur Ruhe gekommen und genießen die letzten Stunden des Tages auf dem Balkon sitzend und in die dunkle Bergwelt starrend.

Wir haben uns viel vorgenommen, für unseren zweiwöchigen Roadtrip. Einmal quer durch Österreich soll es gehen, mit anschließenden Abstechern nach Liechtenstein und ins schweizerische Walis. Am Beginn des Trips aber steht eine zwei Tagestour im Großarltal an. Schon vor einigen Wochen war ich mit dem Bike hier um nach neuen Trails und Gipfeln zu suchen, die auf eine Befahrung warteten. Durch die landschaftliche Schönheit und die vielen bewirtschafteten Almen ist das Großarltal schon lange ein Geheimtip unter Wanderern. Biker trifft man hier kaum oder gar nicht; der Grund hierfür ist einfach: Nur wenige Forststraßen schlängeln sich an den Bergflanken empor, viele der idyllischen Almhütten werden mit dem Nötigsten über Materialseilbahnen versorgt, die Abfahrt muss man sich so meist zu Fuß, das Rad schiebend oder tragend, erkämpfen. Als wäre dies noch nicht Erschwernis genug, hat man im Großarltal auch gute Chancen, dass sich ein Trail, der laut Karte ein über angenehmes Gefälle verfügender Flowtrail sein müsste, als Kuhtrampelpfad entpuppt, auf dem so gar keine Fahrfreude aufkommen will.

Der Ortskundige ist hier klar im Vorteil und so habe ich uns eine feine Runde mit zwei Talübergängen, zwei Gipfeln und einer Hüttenübernachtung zusammengestellt, auf die sich meine Bike-Kumpels Alex und Horst, mit denen ich gemeinsam am Balkon sitze und die Abendstimmung genieße schon genauso zu freuen scheinen, wie ich.

Nach einem anständigen Frühstück starten wir hoch motiviert in unsere erste Tour und steigen dafür gleich einmal in den Bus. Gemütlich geht es so zum Ausgangspunkt unserer Zweitages- Runde, wo die Gemütlichkeit bald ein viel zu frühes Ende findet. Die ersten Höhenmeter noch pedalierend, finden wir uns bald auf, mit steilen Pfaden durchzogenen, Almwiesen wieder, unsere Bikes schiebend oder tragend. Schwitzend und stets der Sonne entgegen geht es bergauf, ehe wir den Rand des Großarltales erreichen und uns für eine Rast ins Gras fallen lassen. Unser Tagesziel haben wir allerdings noch nicht erreicht, zunächst folgt eine Querung, auf der wir laut Wanderkarte weder Höhe gewinnen noch verlieren sollen. Jeder halbwegs versierte Kartenleser weiß, dass dies meist nicht so entspannend ist, wie man meinen möchte. In ständigem Auf und Ab kommen wir nur langsam voran. Das Gelände ist verblockt und auf jedes kleine Gefälle folgt unerbittlich ein Gegenanstieg, bei dem sich die Frage stellt, ob „durchbeißen“ bis zum nächsten Gefälle oder absteigen und schieben die bessere Alternative sei. So körperlich fordernd diese Passagen auch sind, so landschaftlich reizvoll ist dafür auch die Kulisse. Inmitten von Pferde- und Kuhherden bewegen wir uns über Almwiesen umgeben von mächtigen Schiefer- und Kalksteingipfeln. Eben einer dieser Gipfel ist unser Ziel, das Auf und Ab wird von einem permanenten Auf abgelöst und wir sind gezwungen, unsere Bikes abermals zu schultern. Endlich kommt der Gipfel in Sicht, ich hab mir ein paar Tage zuvor eine Verkühlung eingefangen und bin nun schon ziemlich erschöpft. Ich lasse meine Kollegen ziehen und schieße gemütlich noch ein paar Fotos, ehe ich den finalen Anstieg in Angriff nehme. Nach zig Höhenmetern schieben und tragen stehen wir mit unseren Bikes endlich am Gipfel und haben diesen, ob der vorangeschrittenen späten Nachmittagsstunde auch ganz für uns allein. Der Himmel zeigt sich nach wie vor im schönsten Blau und die Nachmittagssonne die uns gerade noch den Schweiß aus allen Poren gedrückt hat, sorgt nun gemeinsam mit einer leichten Brise für Wohlfühltemperaturen.

Wäre da nicht die traumhafte Abfahrt die uns als Lohn für die Strapazen des Uphills bevorsteht, ich könnte stundenlang auf so einem Gipfel verweilen, einfach nur in die unendliche Bergwelt starren und die wärmenden Sonnenstrahlen genießen. Irgendwann ist die Vorfreude über die bevorstehende Abfahrt dann doch zu groß, wir ziehen Protektoren und Helme an und justieren unsere Bikes dem Downhill entsprechend. Über endlose Almwiesen surfen wir talwärts, immer wieder kommt ein Bergsee in unser Blickfeld, an dessen Ufer die Schutzhütte steht, die wir als Nachtlager auserkoren haben. Als wir die Hütte erreichen ist die Sonne schon längst hinter den Bergrücken verschwunden und mit ihr auch alle Tagesgäste. Dennoch ist die Hütte unglaublich voll und scheint bis unters Dach ausgebucht zu sein. Wir machen das Beste daraus, essen und tinken bis in die Nacht hinein und fallen definitiv als Letzte in die schmalen Betten des Matratzenlagers.

Am Programm des nächsten Tages steht abermals ein Gipfel, der erst durch viele hundert Höhenmeter Schieben und Tragen erkämpft werden will. Nach der ersten Hälfte des Anstieges wird der Steig, der uns auch zur Abfahrt dienen soll, immer steiler, rolliger und verblockter. Erste Zweifel kommen auf, ob dieser Pfad wohl auch wirklich mit dem Mountainbike befahrbar sei. Doch Alex, Horst und ich verlieren kein Wort darüber sondern schreiten wortlos bergan. Nur 20 Höhenmeter vor dem Gipfel müssen wir uns dann doch eingestehen, dass es besser ist, die Bikes hier zurückzulassen; steile Felswände türmen sich vor uns auf, die eine Zuhilfenahme der Hände zur Überwindung erfordern. Das Gipfelerlebnis wollen wir aber nicht missen und sind, um unsere Bikes erleichtert, im Nu am höchsten Punkt angelangt.

Wieder im Sattel erwartet uns ein teilweise extrem technische Abfahrt, doch eine Schlüsselstelle nach der anderen wird geknackt, schnell ist das mulmige Gefühl des Aufstiegs vergessen und wir meistern den Steig vom ersten bis zum letzten Meter. Wir überholen beeindruckte Wanderer und kommen nach zwei Tagen völlig erschöpft aber glücklich wieder an unserem Ausgangspunkt an.

Noch am selben Tag geht es für uns weiter nach Saalbach, wo wir auf unseren Freund Harald treffen. Harald ist Bikeguide und kennt die Trails rund um Saalbach und Leogang wie kaum ein anderer. Wir verlassen uns blind auf sein Geschick und werden mit einem „Trailfeuerwerk“ der Extraklasse belohnt. Ein Biketag mit Liftunterstützung, feinem Mittagessen und flowigen Spaßtrails, bevor wir am Abend im Hotpot des Spielberghauses entspannen.

Am folgenden Tag regnet es und die Motivation ist nach drei anstrengenden Tagen zu gering um sich, wie Harald zu sagen pflegt: „richtig einzusauen“. Wir brechen unsere Zelte ab und fahren weiter gen Westen, um der Schlechtwetterfront auszuweichen.

Es folgen ein heiterer Abend im Innsbrucker Nachtleben, eine feine Tour im Tiroler Ötztal und gemeinsame Ausfahrten mit unseren Vorarlberger Freunden, den xi-Trailern, im Montafon. Das Wetter ist dabei stets kühl und nass und so bleiben die Kameras entweder zu Hause oder im Rucksack.

Vom schlechten Wetter genug habend, gibt es für uns nur eine logische Konsequenz und die heißt: VW-Bus vollpacken und dann ab nach Zermatt.

Wir entkommen den Niederschlägen, aber starker Wind macht unsere Pläne zunichte, den Uphill unserer nächsten Tour vorwiegend mit Seilbahnen zu bestreiten. So finden wir uns wieder einmal unsere Bikes schiebend und tragend am Berg wieder und das ist auf rund 3.000m Höhe schon lange nicht mehr erholsam sondern einfach nur mehr anstrengend. Aber auch diesmal werden wir durch eine großartige Landschaft entschädigt. Trotz Hochnebel und Wolkendecke ist das Panorama der Bergwelt rund um Zermatt ganz einfach nur mit drei Buchstaben zu beschreiben: WOW. Den Beschwerlichkeiten des Uphills folgt ein unglaublich genialer Trail nach Täsch hinunter, den wir lediglich für ein paar Fotopausen unterbrechen.

Tags darauf holt uns wieder einmal das Schlechtwetter ein und wir kehren nach Österreich zurück um noch eine Tour in Liechtenstein zu fahren. Hoch über Vaduz findet sich ein Trail, der für die Durchschnittsbikerin oder den Durchschnittsbiker wohl einem Albtraum gleicht, uns aber den größten Spaß bereitet. Rund 350 Spitzkehren, eine enger und kniffeliger als die andere, wollen am Weg zurück in die Liechtensteiner Hauptstadt bezwungen werden.

Bevor wir nach zwei Wochen auf dem Bike endgültig die Heimreise antreten, folgt auf halbem Wege noch eine Tour in der Nähe des Arlbergs. An diesem letzten Tag werden wir noch einmal für alle Wetterkapriolen der vergangenen Tage entschädigt. Blauer Himmel, wärmende Herbstsonne, klare Fernsicht und eine, in bunte Farben getauchte Vegetation. Voller Euphorie knacken wir felsige Schlüsselstellen und surfen durch rot, orange und grün gefärbte Heidelbeerstauden. Genau solche Momente sind es, für die man einen Roadtrip macht, um neue Berge und überwältigend schöne Landschaften zu entdecken, die Natur zu genießen und Sonne und Energie zu tanken für die kalte Jahreszeit, die Jahr für Jahr eine dicke weiße Decke über die Berge legt, um sie erst im nächsten Frühjahr wieder freizugeben.

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